PolitikJulija Timoschenko - Die dunkle Seite der Macht

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Handrij
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Julija Timoschenko - Die dunkle Seite der Macht

#1 Beitrag von Handrij » Sonntag 17. März 2013, 18:05

In der Ukraine muss sich die einstige Regierungschefin Julija Timoschenko nun auch noch wegen Mordes verantworten. Der Fall liegt gut 16 Jahre zurück, es ging um Gas und um viel Kohle.
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Kurt Simmchen - galizier
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Re: Julija Timoschenko - Die dunkle Seite der Macht

#2 Beitrag von Kurt Simmchen - galizier » Montag 25. März 2013, 13:05

Macht hat immer eine dunkle Seite, eine Seite, die top sekret ist

Für mich ist nicht der Fall Timoschenko oder wie sie alle heißen mögen interessant. Ich habe diese Frau im Dezember 2004 in Kiew erlebt und habe mich scheint es blenden lassen. Ich hatte große Hoffnungen an die „Orange Revolution“. Ich habe auch lange Zeit an die Ungerechtigkeit der Prozesse gegen sie geglaubt und gehofft, dass ihr die internationale Öffentlichkeit helfen möge. Heute bin ich erleichtert, dass die Welt nicht an jedem Straßenstein geschnuppert hat um den Markierer zu erkennen und dass die Karawane weiterzog.

Heute aber mit dem Zeitverlauf und der Muse über all das nachzudenken, komme ich zu anderen Überlegungen. Immer mehr schieben sich andere Fragen in den Mittelpunkt der Überlegungen, die sich mit dem Menschenbild und der Nachhaltigkeit der kommunistischen Ideologie und der sowjetischen Gesellschaft beschäftigt.
Wer waren diese Menschen, die sich mit brutalster Gewalt über andere erhoben?
Was hat sie dazu gebracht das Leben der anderen so gering zu schätzen?
Was ist geblieben von den postulierten Werten der sowjetischen Gesellschaft?
Gab es überhaupt mal eine Macht der Sowjets?


Nach der kurzen Zeit der Auflösung der SU konnte noch kein neuer „kapitalistischer“ Mensch geschaffen sein. Dafür war die Zeit einfach zu kurz. Woher also solche Haltungen?
Fast alle haben sie die haben sie die Weihen der kommunistischen Bildungstempel absolviert, viele waren Bestandteil der Nomenklatura der Kommunisten, kamen aus solchen Familien Kader oder waren prädestiniert Kader für höhere Weihen zu werden.
Was also zeichnete das das Bildungssystem dieser Macht aus?
Mir drängt sich der Verdacht auf und wird angesichts dessen, was wir in dem Übergang von der DDR zur BRD erleben mussten, immer klarer und manifestiert sich zur Überzeugung, dass das der Fäulnisprozess sich überlebter Machtfetischisten ist.
Was wir am Beispiel der JT erleben, ist nur das was sichtbar wird. Ich vergleiche es mal mit der Wasserleiche, die unbeschwert nach einem Verwesungsprozess aufgetrieben wird. Die sieht man, aber niemand will sehen, dass der See schon in Agonie verfallen ist.
So wie man ab und an auch mal das faule Sediment eines Fischteiches entfernen muss, ihn also entschlammen muss, so ist es dringend erforderlich die postkommunistische Gesellschaft von ihrem faulen Bodensatz zu befreien. Das aber muss ein innerer Prozess sein. Dahin kannst Du nicht exportieren.
Entweder der Bodensatz wird so mächtig, dass er den See als System zerstört und vertorft oder aber der Damm bricht und die Flut reinigt den Pfuhl.

Hier hilft nur das Beispiel des Lebens im sauberen Wasser. Vielleicht müssen wir, die das Andere, ich will nicht sagen das Bessere erfahren haben, offener sein für das Beispiel und die Hand geben auf dem Weg in das Zukünftige.

Ich habe es seinerzeit in der DDR als normal betrachtet, dass sich die Nomenklatur nur in sich selbst vervielfältigt hat. Infiziert von der Angst des Verrates an der selbsterhobenen Führung und der „Sabotage“ derjenigen die nicht schlechter, nur anders dachten, aber vielleicht auch mal, das Eine und das Andere hinterfragten.
Das System der Bildung in diesem Machtzirkel hat dazu geführt, dass sich die darin einbezogenen Personen und ihr Anhang für besser und für unfehlbar und für unbelangbar hielten.
Für mich ist ein sehr bewegender Film aus der SU ein schüchterner Versuch diesen Zustand zu kritisieren. Leider ist mir der Titel nicht geläufig, aber vielleicht erinnert ihr Euch auch. Ein junges Mädchen wird von einigen Jungs aus „besserem“ Haus vergewaltigt und der Opa greift zur Selbsthilfe.
Was anderes als diese Geisteshaltung hat zur Staatsenteignung durch die Nomenklatura und zur Bildung der Kaste der reichen Banditen geführt. Ich vermeide in Anlehnung an die Gedanken von Lubomir Husar bewusst das Wort Oligarchen.

Was hat sie dazu gebracht das Leben der anderen so gering zu schätzen?
Im Angesicht der Geschichte des Holodomor, aber auch der nachträglichen Betrachtung der Siege der Roten Armee im GVK zeigt sich die Geringschätzung des Lebens der Untergebenen, um nicht zu sagen der Untertanen. Über drei Generationen prägt so etwas die Geisteshaltung der Nomenklatura und derjenigen die mal dazu gehören wollten. Nun kenne ich nicht den Liedschatz des Komsomol, kann mich aber sehr gut an ein Lied aus der DDR erinnern. Der Refrain betonte das ewige Recht der Partei auf die absolute Wahrheit. Ich glaube der ging so: Die Partei, die Partei, die hat immer Recht …
Wer also die Partei für sich als das seinige betrachtet und sie führt oder sich ihrer bedient, hat also auch immer Recht.
Wer also sind die anderen die unter uns sind? Bauern, Leute die keine Menschen sind.
Im schlimmsten Gedanken wieder Leibeigene, denn warum sonst konnten Honecker, Breschnew und Co denn immer von „… unseren Menschen …“ sprechen. Für mich ist unser ein besitzanzeigendes Pronomen und zeigt ein Besitzverhältnis an. In der Sprache so zu verstehen wie es ja gelebt wurde.

Was ist geblieben von den postulierten Werten der sowjetischen Gesellschaft?
Den kommunistischen Menschen, der aufrechtgehend und stolz sein Tagewerk verrichtet, der immer nach dem Fortschritt strebt und allem solidarisch ist, den habe ich noch nicht erlebt.
Neid und Missgunst prägen das Leben der Menschen. Man kann über den letzten Punkt lachen in dem Artikel über die Galizier, die niemand liebt, aber das ist es. So geht es ab in der Heimat des Fortschritts.
Ich habe mal ein Jahr in der Bukowina gelebt, bevor ich in die Nähe von I-F zog. In Berlin gab es eine junge aus dem Dorf wo ich meine Zelte aufschlagen wollte. Einmal im Jahr fuhr sie mit ihren 2 Kindern zu ihren Eltern. Das ist lobenswert. Durch die Ukrainer, fast alle aus dem Dorf oder daher stammend, welche bei mir wohnten, hatte ich auch sie kennengelernt. In Berlin wohnte sie in einer 2 Zimmerwohnung mit Außentoilette und bezog Sozialhilfe. Der Vater ihrer Kinder hatte sich aus dem Staub gemacht als er seine Verpflichtung erfüllt und ihr einen deutschen Staatsbürger gezeugt hatte.
Damit der große Auftritt in jedem Jahr gelingen konnte, half sie als Toilettenfrau aus und lebte sprichwörtlich vom Kitt aus dem Fensterrahmen. Bei einem Bekannten erbat sie die Möglichkeit Fotos mit den Kindern machen dürfen. Nun konnte sie präsentieren. Und alle glaubten an ihren Erfolg und ihr gutes Leben in Deutschland. So lange sie ausgeben und einladen konnte, glaubte man ihr.

Solidarität ist in der gegenwärtigen Gesellschaft ein Fremdwort. Ich habe sehr schnell merken müssen, dass nehmen seliger ist denn geben. Auch die, die in Deutschland gern Hilfe, am Liebsten ohne Kosten, annahmen überraschten mich dann dort mit speziellen Preisen für Deutsche, denn die müssen es ja haben.
Auch untereinander sieht es nicht anders aus.
Gemeinsam, sprich genossenschaftlich arbeiten geht überhaupt nicht.
Das Rückgrat ist infolge kommunistischer Erziehung ziemlich verkrümmt. Das erkennst Du am besten wenn Du Menschen beim Anklopfen an Amtsstubentüren beobachten kannst. Knapp unterhalb der Klinke wird angeklopft und gebeugt, den Kopf noch etwas tiefer wird dann das Eintreten mit einem flehentlichen „Moschno“ erbettelt.
So man Arbeit hat ist es mit dem aufrechten Gang und dem Verhältnis zum Chef auch nicht weit her. Wo man langsam arbeiten kann, steht man kräftig auf den Elanbremse und träumt bei dieser Produktivität von deutschen Löhnen. Es sei denn man hat sich kraft eines eigenen Werkzeuges selbst zum Meister ernannt und erklärt den Auftraggebern die Geheimnisse der „Euroremont“. Dabei kann man stolz aufrecht stehen, denn der Auftraggeber schaut zu dem Meister, der sich gestern erst den Hammer gekauft hat auf.
Kommt man auf den Fortschritt zu sprechen und zeigt auf Aktuelles im Lande, dann wird ala janek sehr lebhaft betont, dass man auf der Höhe der Zeit ist und mit allen mithalten kann.
Man hat die längsten Bauzeiten was Stadions angeht, man baut nicht bloß schlechthin Stadien, nein man ist auch in der Lage die teuersten Stadien zu bauen.
Na klar ist man fortschrittlich. Man hat das sportlichste Parlament. Einmal im Monat wird geboxt.
Können wir uns die Fortsetzung sparen? Ich denke –Ja.

Und nun zu der wichtigsten Frage. Gab es denn jemals wirklich eine Macht der Räte?

Räte sollten frei gewählte Vertreter der Arbeiter und Soldaten sein. Vielleicht war das bei den ersten Räten der Fall, aber nach der ruhmreichen Errichtung der Diktatur des Proletariats und der Installierung der führenden Rolle der Partei wage ich das zu bezweifeln. Wie schlimm es gewesen sein muss, auch nach dem Beendigung des Kriegskommunismus und des Exportes der Weltrevolution, zeigt doch die Tatsache, dass ein Vertreter des Apparates der Partei ins Grübeln und dann ins Denken kommt und über Glasnost und Perestroika nachdenkt.
Die Knechtung des Volkes, das Fehlen jeglicher demokratischer Legitimation seiner gewählten Organe führt nach der Lockerung der Repressalien zum Zerfall des Völkergefängnisses Sowjetunion.
Das System der staatlichen Gewalt hat selbst die Gewalttäter und Betrüger geschaffen und gebildet, die heute die „Elite“ der Nachfolgestaaten bilden.
Nachhaltig ist die Verängstigung der Menschen, der fehlende Elan und die gebeugte Haltung.
Aber die beginnt langsam zu erodieren. Aber nur langsam.
Auch, dass die Revolutionen, egal wie sie hießen, keine der Parteien zu Volksparteien werden ließ, ist Ausdruck dessen, dass es auch heute keine demokratischen Grundsätze, noch nicht einmal bei der Opposition, gibt.
Die Parteien sind in sich geschlossene Zirkel, in denen die Funktionäre Angst haben eventuell teilen zu müssen, sollte es mal etwas zum Verteilen geben.

Fast alle politischen Stiftungen der deutschen Parteien wirken in Kiew an den zentralen Büros der Parteien der Opposition und helfen nur die einen auf ihrem einträglichen Platz zu halten und anderen das Nachrücken zu ermöglichen. Aber in der Fläche des Landes finden sie kein Gehör, weil sie da nicht hinkommen.
Ich bleibe bei meiner Auffassung, dass alle Hilfen, egal aus welchem Topf, nie dort ankommen wohin sie der Spender haben will. Letztendlich bereichern sich immer die, die oben auf der Suppe schwimmen.

Mit den Spenden hierher ist es mit dem Taschengeld für Kinder. Wenn die gestressten Eltern ihr Gewissen beruhigen wollen, erfüllen sie alle materiellen Wünsche der Kinder, bemerken aber nicht das seelische Defizit, dass sie fabrizieren.

Hier muss bei den Spendern ein prozess des Umdenkens beginnen, wenn sie nicht weiter die Bereicherung der Oberschicht unterstützen wollen.

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Re: Julija Timoschenko - Die dunkle Seite der Macht

#3 Beitrag von Sonnenblume » Montag 25. März 2013, 13:27

galizier hat geschrieben:Macht hat immer eine dunkle Seite, eine Seite, die top sekret ist
Da hast du vollkommen recht - so ein widerliches Topsekret findet man nur in den Etagen der Macht.
galizier hat geschrieben:Das Rückgrat ist infolge kommunistischer Erziehung ziemlich verkrümmt
Ich denke, mit der "kommunistischen Erziehung" ging einfach nur übergangslos weiter, was in der Leibeigenschaft praktiziert wurde. Solche Verhaltens- und Denkweisen bilden sich nämlich wirklich nicht von heute auf morgen.

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