VermischtesSchlangestehen - oder die Unlust an der Wirklichkeit

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mbert
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Schlangestehen - oder die Unlust an der Wirklichkeit

#1 Beitrag von mbert »

Heute las ich einen Artikel, der eigentlich nichts mit der Ukraine zu tun hatte: das polnische Brettspiel Nur eingeloggte Mitglieder sehen alle Links ..., eine Parodie auf das omnipräsente "Monopoli" in Anspielung auf das"Vergnügen" des Einkaufens in der sozialistischen Wirtschaft alter Zeiten, ist nach Protesten Nur eingeloggte Mitglieder sehen alle Links .... Abgesehen davon, dass es schon bemerkenswert ist, dass selbst die kommunistische Vergangenheit, die ja durch die - christliche und sicher nicht zu knapp kapitalistische! - Russische Föderation überwunden zu sein schien, offenbar besonderen Schutz durch den Staat genießt, erinnerte mich dieser Bericht an ein Essay von Nur eingeloggte Mitglieder sehen alle Links ...:
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So könnte man sich zum Beispiel stundenlang den Kopf zerbrechen über das allen neuen europäischen Demokratien gemeinsame Massenphänomen der "Ostalgie": diese so gut wie überall verbreitete, jeglichen Gegenargumenten unzugängliche Überzeugung, die Gegenwart sei absolut unerträglich und unter den Kommunisten sei alles besser gewesen, was sich einmal mit der unvermeidlichen "postrevolutionären" Enttäuschung erklären ließe (was man in der klassischen Philosophie "Ironie der Geschichte" nennt - wenn das Resultat eines sozialen Prozesses nicht die erhoffte Wirkung zeitigt), zum anderen mit der demographisch starken und wirtschaftlich schwachen Schicht der Rentner während des ökonomischen Umbruchs (hier verhält es sich wie in der bekannten Anekdote, in der ein Opa zum anderen sagt, unter Stalin sei alles besser gewesen, vor allem die Mädels seien jünger gewesen; in psychologischer Hinsicht ist das zu verstehen), und außerdem in allen Fällen mit den Umständen der nationalen Geschichte erklärbar ist (die Russen haben ihr Imperium verloren und damit ihr Gefühl der globalen Überlegenheit, die Polen ihren romantischen Mythos der nationalen Befreiungsbewegung, auf dem sich ihre ehemalige Identität wesentlich gründete, die Ukrainer, wie überhaupt alle "Postkolonialen", haben sich erstmals im Spiegel der Geschichte erblickt, das heißt mit der ganzen Last der Verantwortung für das eigene Schicksal, was ihnen freilich so ganz und gar nicht gefiel, na und so weiter, die Weltkarte rauf und runter), jede der speziellen Erklärungen ist annehmbar, doch zugleich ist keine für sich, und auch nicht alle zusammen genommen, im Endeffekt erklärungsmächtig. Denn hinter all den logischen Erklärungen trampelt doch unweigerlich jene Dame im Waschbärpelz, die sich lauthals auf einem Kiewer Markt über die Preise für Himbeeren beschwert und ihr Gejammer natürlich mit dem triumphierenden Satz enden lässt, unter den Kommunisten sei alles besser gewesen.
- "Aber Himbeeren gab es nicht", erinnere ich sie.
Einen Moment lang blickt sie mich bestürzt an, sie spürt es, in ihren Augen glimmt das Erkennen, was sie aber sogleich entschieden löscht, als blase sie ein Streichholz aus - aus Angst vor einem Brand:
- "Alles gab's!"
Du lieber Gott, ist das nicht reizend. Es gibt schon Anekdoten über "unter den Kommunisten": "Was gab's früher - das Ei oder die Henne? Unter den Kommunisten gab's alles!"
(Oksana Sabuschko, aus dem Essay: "Zimmer 101 – oder die Suche nach dem Ausgang", im Band Nur eingeloggte Mitglieder sehen alle Links ...)

Im o.g. Essay befasst sich Sabuschko mit der Frage, ob es überhaupt eine Vergangenheit gibt - hier wird Bezug genommen auf Orwell's Roman "1984", wo der Heldeiner "Behandlung" unterzogen wird, nach der sämtliche Erinnerungen, alles was wahr ist, verschwimmt, am Ende nur noch wie eine Version von vielen anderen möglichen bleibt - und auch darauf, welche Rolle die Vergangenheit in unserem Leben spielt, sei es als Erinnerung, aber auch als lebendige Gegenwart, wie wir etwa erfahren, als im selben Text von einem früheren Partisanen erzählt wird, der sich seit dem Kriegsende bis zur Unabhängigkeit der Ukraine im Keller seiner Schwester versteckt hat, für den also die Geschichte über all die Jahre nie aufgehört hat, Gegenwart zu sein.
[...]
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Es genügt nicht, nur keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken!

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