Handrij hat geschrieben:
Bei Assimilierungen ein weit verbreitetes Phänomen. Zudem war es Nichtrussen offenbar möglich in die höhere Bürokratie zu gelangen, wenn sie bestimmte Regeln befolgten. Es gab keinen generellen Ausschluss von Ukrainern oder Weißrussen. Bei Kasachen/Kirgisen war es etwas anderes.
Ja, das ist belegt. Generell galt die Regel, dass man, wenn man sich den "Spielregeln" anpasste, durchaus in den höheren Dienst aufsteigen konnte. Die Spielregeln umfassten üblicherweise, dass man die Gepflogenheiten übernahm (die Sprache zählte zwar auch dazu, war aber, je höher der Adel, ohnehin irrelevant). Außerdem gab es noch eine mittlere Adelsschicht, die sich aus einflussreichen Kosaken nach dem Anschluss durch Khmelnytskyj gebildet hatte.
Handrij hat geschrieben:
Den Satz - du kennst den Kontext - kann man auch so verstehen, als dass die ukrainischen Eliten das Russische Reich nicht als ausländischen Eroberer wahrgenommen haben.
Völlig richtig, das hatte ja auch keiner behauptet (die "ausländischen Eroberer" sind ein Begriff, der eher in Galizien nach deren Erfahrungen im 2. Weltkrieg entstanden ist). Das spezielle an der gemeinsamen Geschichte von Russen und Ukrainern ist ja, dass die Ukrainer unter Khmelnytskyj ganz explizit einforderten (und auch vertraglich vom russischen Zaren zugesichert bekamen), dass die kosakische Selbstverwaltung erhalten bliebe, dass die Ukraine ihr eigenes Militär und ihre eigene Außenpolitik haben dürfe, kurz, dass die Ukraine mit ihrer Politik, Kultur und auch Sprache als Teil des Moskauer Reiches erhalten bleiben sollte, und schließlich - dass Russland eine Sicherheitsgarantie gegen Polen gab.
Wenig später fühlte Moskau sich auch nicht mehr an diese Versprechen gebunden. Das ist der Moment, wo das Verhältnis zwischen Russen und Ukrainern zumindest ziemlich ambivalent wurde. Dies ist auch der Aspekt, den Russophile gern kleinreden oder ganz verschweigen und stattdessen lieber von der Verwandtschaft und Ähnlichkeit zwischen beiden Völkern reden und daraus eine "Natürlichkeit" ableiten, mit der die Ukraine selbstverständlicher Teil Russlands ist. Das ist aber historisch kompletter Unsinn. Dass Ukrainer selber kollaborierten und von dem System profitierten, ändert nichts daran.
Handrij hat geschrieben:
Hatten die ukrainischen Vertreter der gebildeten Schichten vielleicht kein Interesse an einem Separatismus, weil es ihnen recht gut ging? Aus dem Ausschnitt geht kaum hervor, welche Gründe sie dafür hatten, einem Separatismus zu frönen. "Kaum Veranlassung" kann dahingehend interpretiert werden. "Kaum Gelegenheit" würde darauf hinweisen, dass sie sehr beschäftigt waren

oder unter strenger Bewachung standen, um jeglichen Anflug separatistischer Tendenzen bereits im Ansatz zu unterbinden.
Wenn diese Leute es bis nach Petersburg geschafft haben, dann hatten sie die Regeln verinnerlicht und nach ihnen gespielt und für sie gab es wohl kaum einen Grund die Verhältnisse als schlecht zu empfinden. Anders wiederum diejenigen, die in der Ukraine geblieben sind oder bleiben mussten.
Ich persönlich denke, dass es solche und solche gab. Tatsächlich haben ja bei einem System aus Zuckerbrot und Peitsche Angehörige der ukrainischen Elite eher das Zuckerbrot abbekommen, was sicher ein starker Anreiz war, nicht weiter aufzumucken. Interessant ist in diesem Zusammenhang natürlich Ivan Mazepa, der ja in der russischen Geschichtsschreibung noch heute als "Judas" dargestellt wird. Mazepa dürfte auf jeden Fall eine ziemlich vielschichtige Person gewesen sein und sicher kein "reiner" Patriot, obwohl ich durchaus plausibel finde, dass ihm auch zu einem guten Stück am Schicksal seines Volkes lag. Ich finde den Abschnitt zu Mazepa im Subtelny sehr aufschlussreich:
Im frühen 18. Jahrhundert allerdings begann das für beide Seiten vorteilhafte Verhältnis [mit dem Zaren], das Mazepa so gekonnt aufgebaut hatte, Zeichen von Belastung zu zeigen. [...] Nach einer Serie von desaströsen Niederlagen [gegen die Schweden] beschloss [Zar] Peter, der ein großer Bewunderer westlichen Stils war, seine Armee, Regierung und die Gesellschaft zu modernisieren. Seine Untertanen wurden stärkerer Zentralisierung und mehr Kontrollen in allen Lebensbereichen ausgesetzt, und "altmodische Besonderheiten" wurden eliminiert. In diesem Prozess geriet die traditionelle Autonomie der Het'mane, die noch 1654 garantiert worden war, in Gefahr.
Während des Krieges stellte der Zar den Ukrainern bis dato noch nicht dagewesene Forderungen; zum ersten Mal wurde von den Kosaken verlangt, allein für die Interessen des Zaren zu kämpfen. [...] Es wurde schmerzlich offensichtlich, dass die Kosaken kein ernstzunehmender Gegner für eine reguläre europäische Armee waren. Jahr für Jahr kehrten sie mit Verlusten in Größenordnungen von 50%, 60% oder gar 70% heim. Die Moral verschlechterte sich noch zusätzlich, als 1705 der Zar, um seine Armeen zu koordinieren, die Kosakenregimente durch Russen oder gar Deutsche befehligen ließ, die ihre Truppen verächtlich als minderwertig betrachteten und sie regelmäßig als Kanonenfutter einsetzten. [...]
Die Dorf- und Stadtbevölkerung wurde auch zunehmend verstimmt durch den Krieg. Sie protestierten, als Russische Truppen, die in ihren Dörfern und Städten einquartiert waren, die Bevölkerung übel misshandelte. "Von überall", schrieb Mazepa, "erhielt ich Beschwerden über die Willkür russischer Truppen". [...]
Der Missstand, der schließlich Mazepa bewog, sich nach einer Alternative zur russischen Herrschaft umzusehen, betraf das Thema des Schutzes. Als Karl XII's Polnischer Verbündeter - Polen - drohte, in die Ukraine einzumarschieren, wandte sich Mazepa an den Zaren. Angesichts der schwedischen Invasion antwortete dieser: "Ich kann nicht einmal auf 10 Mann verzichten; verteidige Dich selber, so gut Du kannst". Für den Het'man war dies der letzte Strohalm gewesen. Als Peter I seine Verpflichtung brach, die Ukraine vor den verhassten Polen zu schützen - eine Garantie, die die Grundlage des Vertrags von 1654 gewesen war - fühlte sich der Het'man nicht länger verpflichtet, ihm gegenüber loyal zu sein.
Der Abschnitt über Mazepa ist natürlich eine ganze Ecke länger, aber es wird glaube ich schon deutlich, dass man bei Mazepa sicher beide Aspekte vorfinden konnte: persönlicher Ehrgeiz (der ihn ja zuvor in das enge Verhältnis zum Zaren und die daraus resultierende privilegierte Position bei Hof) gebracht hatte, aber auch eine Verpflichtung für das Volk, das ihm anvertraut war. Die hier beschriebenen Ereignisse gelten als "zweiter Sündenfall", nachdem zunächst ja nach 1654, bereits nach Khmelnytskyj's Tod unter militärischem Druck der Vertrag von 1654 mit dessen Sohn "nachverhandelt" worden war.
Handrij hat geschrieben:Und das im Zusammenhang damit, dass es selbst im österreichischen Galizien Anfang des 19. Jahrhunderts (1834) noch kein Bewusstsein dafür gab, dass es so etwas, wie eine Ukraine oder eine vom Russischen getrennte ukrainische Sprache gab.
Das halte ich für falsch. Bereits im 18. Jh. war im Zuge der Reformen von Joseph II der Grundstein für ein ukrainisches Bildugssystem sowie Schriftsprache gelegt worden, und das wurde im 19. Jh. fortgesetzt. Das Ganze fand natürlich unter vehementem Widerstand der ebenfalls zum habsburgischen Reich gehörigen Polen statt, die analog zu den Russen ihrerseits behaupteten, es gäbe überhaupt keine distinkte ukrainische Nation oder Sprache, die Ukrainer seien nur eine Art von Polen. Derartige Äußerungen werden ja nicht ohne Grund gemacht. Sowohl Russland als auch Polen wollte seinen jeweiligen Teil der Ukraine für sich behalten und suchten natürlich nach Rechtfertigungen dafür. Speziell was Russland betrifft, hatte es ja ausreichend Zeit, diese Sichtweise unter die Leute zu bringen, so dass auch heute noch Menschen diese Version glauben.
Handrij hat geschrieben:Das befand sich, wie ich dann weiter zu erkunden versuchte, alles in der Diskussion. Selbst in Galizien wurde ein Übergang vom Polnischen zum Russischen - und nicht zum kleinrussischen Dialekt - in Betracht gezogen. Viele Zeitungen wurden bewusst in russischer Sprache herausgebracht. Alles Anzeichen dafür, dass es keine klare, eindeutige Position zum Ukrainischen im österreichischen Galizien gab.
Es gab in Galizien eine Phase, wo die Russophilen einen recht großen Einfluss hatten. Das war aber nur über einen begrenzten Zeitraum hinweg. Diese Gruppe verlor schon im frühen 19. Jh. ziemlich rasant an Bedeutung, als man sah, wie zunehmend repressiv der Zar mit seinen ukrainischen Untertanen umging.
Handrij hat geschrieben:Ich würde hier neben den Normen des Russischen Imperiums (Russisch ist Staatssprache, die Ukrainer sind eigentlich Russen) vor allem einen Konflikt zwischen Land und Stadt sehen. Russischsprachige Leute dominierten die Städte und russisch war faktisch moderner, als das Ukrainische - oder der kleinrussische Dialekt. Insofern war es selbstverständlich, dass du, wenn du als moderner Mensch gelten wolltest, russisch gesprochen hast.
Hier muss aber Ursache und Wirkung berücksichtigt werden. im 17. Jh. war das ukrainische Bildungssystem dem russischen weit überlegen. Die Entwicklung, dass etwa die gesprochene Sprache auch als Schriftsprache zum Einsatz kam, fand ja erst in der Zeit statt, wo die Ukraine zu Russland gehörte (im 17. Jh. war die gemeinsame Schriftsprache in Russland und der Ukraine noch eine recht künstliche, die stark vom Kirchenslawischen beeinflusst war). Somit hatte die Ukrainische Sprache aufgrund der Herrschaftsverhältnisse zunächst einmal überhaupt nicht die Chance, eine ähnliche Entwicklung hin zu einer durch schriftliche Dokumente "verbrieften" Sprache zu machen.
Handrij hat geschrieben:Die weiter oben von dir angesprochenen Schriftsteller haben ja erst damit angefangen, die Sprache der ukrainischen Bauern zu modernisieren.
So einfach ist es nicht. Sie haben zunächst einmal die Sprache
verwendet. Dass sie als z.T. Intellektuelle die Sprache
auch entwickelten, ist logisch. Letztlich haben Dostojewskij und co. mit dem Russischen auch nichts anderes gemacht. So lange liegt die Zeit auch nicht zurück, als das Russische auch noch eine allein gesprochene Sprache war.
Handrij hat geschrieben:Der Adel hat vorher eher polnisch gesprochen und auf Latein geschrieben als sich die Sprache der Bauern zu eigen zu machen. Der Modernisierungsprozess hat bei der russischen Sprache bereits 100 Jahre vorher eingesetzt und damit eignete sich russisch rein praktisch eher als Kommunikationsmittel für die Erfordernisse der damaligen Modernisierungsprozesse in den südlichen Teilen des Russischen Imperiums.
Richtig. Das Russische hatte bedingt durch die Herrschaftsbedingungen einen leichten Vorsprung.
Handrij hat geschrieben:Mich würden Statistiken zur sprachlichen Zusammensetzung der Bevölkerung vor der allrussischen Volkszählung von 1897 interessieren, welche den von Subtelny unterstellten Zuzug von Russen in den Süden untermauern. Ich vermute, dass der Anteil der Kleinrussen/Ukrainer in den Gebieten um Odessa, Cherson, der Krim um 1800 auch nicht viel höher als 1897 war.
Kannst du ja mal heraussuchen

Was die Russifizierung betrifft, ist das ja auch in der expliziten Form ein eher neues Phänomen, das im 19. Jh. so richtig Fahrt aufnahm. In den rund 200 Jahren davor war es eher so ein "Zuckerbrot und Peitsche" Prinzip (wie schon oben erwähnt).
Es genügt nicht, nur keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken!